Die folgende Rede hielt der Vertreter der Ortsgruppe des Bund Naturschutz Herr Oliver Fuchs im Rahmen der Feierstunde.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, werte Stadträte, werte Ehrengäste, liebe Preisträger,

im Namen der Ortsgruppe des Bund für Umwelt und Naturschutz in Bayern darf ich einige Grußworte an Sie richten. Ich möchte Ihnen dabei kurz den Gedanken des Umweltpreises näher bringen und den Wert der Aktivitäten des diesjährigen Preisträgers veranschaulichen.

Wagen wir dazu ein kleines Experiment:
Kennen Sie diesen Mann? (Portrait eines Mannes)
Das Bild stammt aus seinem facebook-Profil!
Nein?! Also ehrlich gesagt – ich kenne ihn auch nicht!
Aber – und damit müssen wir das Experiment als Gedankenexperiment weiterführen – wenn Sie das Bild an alle Ihre Bekannten weitergeben und diese wieder an Ihre Bekannten und so weiter, dann sind Sie nach spätestens 6 Zwischenschritten bei diesem Mann angekommen!
Ein Experiment, das der bekannte amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram in ähnlicher Form bereits im Jahr 1967 durchführte.
Heute kennt man dieses „Jeder-kennt-jeden-Gesetz“ als Small-World- d.h. Kleine-Welt-Phänomen. Das verrückte – eine Reihe moderner Studien bestätigt die Gesetzmäßigkeit:

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ stellte eine Verbindung zwischen einem Berliner Falafelverkäufer  und Marlon Brando her, die Columbia University zwischen der New Yorkerin Alice und einem zufällig ausgewählten indischen Ingenieur. Und stets war das Ergebnis dasselbe: Über nur 6 Ecken kennt jeder auf der Welt jeden!

Getragen werden diese sozialen Netzwerke heute natürlich maßgeblich durch das Internet. Hier ist die Vernetzung sogar noch höher: Über durchschnittlich nur 4 Schaltstellen ist jeder Computer mit jedem zusammengeschlossen.

An Effizienz unübertroffen!?
Nein – biologische Systeme sind noch deutlich leistungsfähiger! Aus Versuchen mit Katzen etwa weiß man, dass zwei bis drei Schaltstellen im Gehirn reichen, um von einer Nervenzelle zu jeder beliebig anderen zu gelangen. Neuronale Netzwerke sind hocheffizient!

Und dann natürlich – die ökologischen Netzwerke, mit Hotspots wie den tropischen Regenwäldern oder den Korallenriffen. Dicht verwebte globale Systeme, deren komplexe Zusammenhänge wir noch lange nicht erfasst haben.

Und wie schätzen wir den Wert eines ökologischen Netzwerks ein?

Beim sonntäglichen Waldspaziergang mal tief durchschnaufen und Natur inhalieren!

Hand aufs Herz – wer von Ihnen ist in facebook aktiv? Ich kenne UserInnen, die würden einen hysterischen Zusammenbruch erleiden, wenn alle persönlichen Kontakte – alle Freunde – aus ihrem Acount gelöscht würden.

Klar – diese Kontakte sind von individuellem Wert, werden persönlich hoch eingeschätzt. Dem gegenüber können wir mit der Tatsache, dass jede 30 Minuten etwa eine Art von der Erde verschwindet meist deutlich rationaler umgehen. Der WWF rechnet sogar mit dem Aussterben von 70 Arten pro Tag, also dem Verschwinden von 25.000 Tier- und Pflanzenarten jedes Jahr! Nach jüngster Zählung sind 41 Prozent der Amphibien bedroht, 25 Prozent der Säugetiere, 13 Prozent der Vögel und eine von fünf Pflanzenarten.

Ein maßgebliches Problem ist wohl im engsten Sinne des Wortes die Wertschätzung, d.h. die Beurteilung des Wertes.

Während wir den Wert von Dienstleistungen, von Infrastruktureinrichtungen: Straßen, Stromleitungen, Flughäfen oder Industrieanlagen exakt beziffern können, monetär - in Kosten und Gewinn - wird der Wert von Natur i.d.R. ideell eingestuft.

Wenn ich also z.B. als Gemeinde ein Gewerbegebiet ausweise, kann ich exakt meine Gewinnerwartungen in einer Kosten-Nutzen-Analyse erfassen. Der Verlust an Ökosystemleistung hingegen bleibt im Grunde genommen unbewertet.

Dabei versorgt uns die ökologische Infrastruktur: die Wälder, die Auen, die Flüsse, die Meere, täglich mit Ökosystemleistungen (Trinkwasser, Nahrung, Brennstoffen, Klimaregulation usw.), die ein Gelingen von Leben und Wirtschaften erst möglich machen. In unserer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung tauchen sie leider nicht auf.

Das Fatale: Was in der Wirtschaft mit einem Wert von Null beziffert wird, wird im Entscheidungsfall häufig auch so behandelt. Das ist der Grund dafür, warum wir mit unseren Wirtschaftssystemen zu Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit vor vielen ökologischen Problemen oder Krisen stehen.

Ein Lichtblick: Seit 2007 wird unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) die Studie „Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität?“ (abgekürzt TEEB) vorangetrieben.

Der wirtschaftliche Wert von Ökosystemen für die menschliche Gesellschaft kann beziffert werden und es zeigt sich, dass dieser weitaus höher ist, als von Ökonomen und Naturwissenschaftlern bisher angenommen.

Einige Beispiele:

  • Die rund 100.000 Schutzgebiete der Erde versorgen die Menschheit mit Ökosystemdienstleistungen im Wert von ca. 3,5 Mrd € / Jahr. Dieser Wert übertrifft die Umsätze des weltweiten Automobilsektors, Stahlsektors und des IT-Dienstleistungssektors zusammengenommen.
  • Die Bestäubungsleistungen von Insekten (über 85% aller Pflanzen werden durch Tiere bestäubt) betragen weltweit 153 Mrd €, deutschlandweit etwa 2,5 Mrd €.
  • Die Kosten des Artensterbens seit dem Jahr 2000 werden mit 364 Mrd € beziffert. Bis 2050 werden sie 7% des Welt-BIP ausmachen.

In allen Fällen zeigt sich, dass ein Nicht-Handeln beim Umweltschutz enorme Kosten verursacht und dass der Erhalt von Ökosystemen immer kostengünstiger ist als diese im Nachhinein wieder herzustellen.

Mittlerweile befinden wir uns in Deutschland in der dritten Phase, dem nationalen TEEB-Prozess. Ziel ist es, ein stärkeres Bewusstsein für den Wert von Natur zu schaffen, mit dem Ziel, dass dieser Wert – zusätzlich zur ethischen Verantwortung – künftig stärker in privaten, unternehmerischen und politischen Entscheidungen berücksichtigt wird.

Letztendlich eine Frage der Perspektive!

Bereits 1983 berechnete der Kybernetiker Frederic Vester, am Beispiel eines – heute leider sehr seltenen – Singvogels, dem Blaukehlchen, den „geldwerten Vorteil“ einer Tierart. Während der rein materielle Wert, etwa von Federn, dem Kohlenstoff-, Stickstoff- und Sauerstoff-Gehalt etwa 2 Cent beträgt, lässt sich sein wirtschaftlicher Wert durch das Vertilgen von Schädlingen, das Ausstreuen von Samen und auch der Wohlfahrtswirkung durch Gesang und Anblick (also den Nicht-Gebrauchswert) auf 154 Euro berechnen. Der kleine Vogel hat also aufgrund seiner Lebensweise und Lebensleistung einen viel größeren Wert als seine materielle Hülle.

Und wenn man diesen Perspektivenwechsel mit vollzieht, dann erscheint plötzlich auch die Verleihung des Bad Neustädter Umweltpreises in einem ganz andern Licht. Gedacht als eine Würdigung der „kleinen Schritte“ im Sinne des Umwelt- und Naturschutzes, zeigt es sich dass diesen kleinen Schritten ein enormer Wert innewohnt, und das eben nicht nur ideell. Baumpflanzaktionen oder Amphibienschutz etwa sind tatsächlich große Investitionen in die Zukunft.

Es freut mich ganz besonders, wenn junge Menschen, wie die diesjährigen Preisträger, diesen wertvollen Beitrag leisten.

Ihr nachhaltiges Wirken besitzt Vorbildcharakter und regt zum Nachfolgen an.

Und die diesjährigen Preisträger dürfen sich gleich doppelt freuen – und zwar doppelt so lange! Da wir den Umweltpreis künftig im zweijährigen Turnus vergeben, bleibt ihnen ein ganzes Jahr länger die Auszeichnung zu genießen.


Verleihung des Umweltpreises 2014

07.12.2014

Der Pfadfinder Stamm Ägidius Rödelmaier erhält am Tag des Ehrenamtes den Umweltpreis der Stadt Bad Neustadt und der Ortsgruppe Bad Neustadt

Den Tag des Ehrenamtes nutzt die Stadt regelmäßig, um allen ehrenamtlich Tätigen besonders zu danken. Exemplarisch wurden diesmal die Wahlhelfer hervorgehoben, die in den vergangenen Monaten bei diversen Wahlen jede Menge zu tun hatten. Gleichzeitig vergibt die Stadt an diesem Tag den Umweltpreis. Dieser geht in diesem Jahr an die Pfadfinder aus Rödelmaier. Seit vielen Jahren setzen sich die jungen Leute nachdrücklich dafür ein, Kindern und Jugendlichen die Geheimnisse der Umwelt und Mutter Natur näher zu bringen.

In den kommenden zwei Jahren geht der hölzerne Wanderpokal somit in die Nachbargemeinde. Mit Projekten rund um den Schutz von Flora und Fauna sowie mit einem besonderen Fokus auf die Umweltbildung sorgen die Rödelmaierer Pfadfinder immer wieder für Aufmerksamkeit.

Im Alten Amtshaus erhielten die Pfadfinder den Umweltpreis aus der Hand von Bürgermeister Bruno Altrichter und Oliver Fuchs von der Ortsgruppe Bad Neustadt des Bund Naturschutz. Für die Preisträgerin aus dem Jahre 2012, Sonja Drechsler vom Kindergarten St. Josef im Brendlorenzen, sind die Pfadfinder aus Rödelmaier ein würdiger Preisträger: „Die 14-tägigen Gruppenstunden drehen sich meist um den Umweltschutz“, sagte Sonja Drechsler. Rund 80 Mitglieder hat der Pfadfinder Stamm aus Rödelmaier. In sieben Gruppen und mit 12 Gruppenleitern sind die jungen Leute ständig in der Natur unterwegs und schärfen so das Bewusstsein für Umwelt und Natur. Ein Zeltlager wird im Sommer genauso regelmäßig durchgeführt wie im Winter eine Freizeit.

Sonja Drechsler wies in ihrer Laudatio besonders auf die Projekte Patenschaftswald in Rödelmaier und den 600 Meter langen Krötenzaun hin, den die Pfadfinder alljährlich zwischen Maria Bildhausen und Großwenkheim installieren und in den Abendstunden binnen sechs Wochen rund 500 Kröten, Fröschen und Molchen den sicheren Weg über die Straße ermöglichen. „Mach dich auf, die Vielfalt der Natur kennenzulernen“ zitierte Drechsler das Motto der Pfadfinder.

Kleine Schritte

Oliver Fuchs stellte in seiner Eröffnungsrede den Umweltschutz im kleinen, so wie ihn die Pfadfinder betreiben, in das große Ganze der Weltwirtschaft. „Allzu oft taucht die Ökologie in den Rechnungen der Wirtschaftssysteme nicht auf“, so Fuchs. Wobei der wirtschaftliche Wert von Ökosystemen beinahe unbezahlbar ist. „Nicht handeln beim Umweltschutz verursacht nachträglich hohe Kosten“, mahnte Fuchs und würdigte die diesjährigen Preisträger für ihren Umweltschutz „mit kleinen Schritten“. Seit 2012 wird der Umweltpreis der Stadt Bad Neustadt nur noch alle zwei Jahre vergeben und nach Vorschlägen aus der Bevölkerung von einer Jury zugedacht. Der Umweltpreis wurde zum 15. Mal seit 1998 in Kooperation zwischen der Stadt und dem Bund Naturschutz überreicht.

Die Feierstunde im Alten Amtshaus, die von Harfenistin Barbara Eckmüller aus Würzburg musikalisch umrahmt wurde, war auch diesmal wieder in den Tag des Ehrenamtes eingebettet. Besonders hervorgehoben wurden diesmal die ehrenamtlichen Wahlhelfer. Bei Kommunal- wie Landtags- und Bundestagswahlen und auch noch bei einem Bürgerentscheid waren die rund 800 Helferinnen und Helfer in den vergangenen Monaten besonders gefordert. „Sie bringen meist ein großes Engagement mit“, sagte Bruno Altrichter.

Der Dank des Bürgermeisters ging zwar besonders an die Wahlhelfer, war jedoch wie stets an alle gerichtet, die ein Ehrenamt bekleiden. Besonders hervor hob Altrichter auch das neu gegründete Forum Generationgerechte Stadt, das vor allem durch ehrenamtliche Arbeit zahlreiche Projekte voranbringt. Den Tag des Ehrenamtes schloss Forstrat im Ruhestand Erwin Kruczek mit einem Vortrag über den Wald und eine nachhaltige Forstwirtschaft ab. Für die zahlreichen Pfadfinder im Alten Amtshaus gab es hierbei bestimmt noch was zu lernen.

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